Renaults neuer Designkurs: mehr Charakter für Scenic, Austral und Rafale
Designchef Alexandre Malval will Renaults Familienautos emotionaler, mutiger und räumlich cleverer machen. Ein Konzeptfahrzeug könnte schon im Oktober einen ersten Ausblick geben.

Renault sucht den nächsten Designschritt
Renault will seine künftigen Serienmodelle stärker über Design, Raumgefühl und Alltagstauglichkeit profilieren. Der neue Marken-Designchef Alexandre Malval rückt dabei vor allem die mittleren Baureihen in den Fokus: Rafale, Austral und Scenic sollen in ihren kommenden Entwicklungsstufen mehr Eigenständigkeit zeigen und klarer vermitteln, wofür Renault im Familienauto-Segment stehen will.
Der Ansatz ist kein Bruch mit der jüngeren Modellpolitik, sondern eher eine Schärfung. Renault hat mit Modellen wie dem aktuellen Scenic, dem Rafale und den retro-inspirierten Kleinwagen bereits versucht, sich optisch von nüchternen Volumenmarken abzuheben. Malvals Aufgabe wird nun sein, diesen Kurs in eine langfristig erkennbare Designsprache zu übersetzen – besonders dort, wo Renault gegen stark auftretende Wettbewerber aus Europa, Korea und China bestehen muss.
„Voiture à vivre“ als Kern der Marke

Im Zentrum steht ein alter Renault-Gedanke: das Auto als Lebensraum. Die französische Formel „voiture à vivre“ beschreibt nicht einfach ein praktisches Fahrzeug, sondern ein Auto, das den Alltag von Familien, Paaren und Vielfahrern erleichtern soll. Für Renault war diese Idee historisch eng mit Modellen wie dem Espace und dem Scenic verbunden. Beide setzten weniger auf Statusgehabe als auf flexible Innenräume, gute Übersicht, viele Ablagen und eine freundliche, wohnliche Atmosphäre.
Genau diese Werte sollen nun wieder stärker in die Formensprache einfließen. Malval spricht von Persönlichkeit, mutigeren Proportionen und einem bewussteren Umgang mit Raum. Das ist für Käufer relevanter, als es zunächst klingt: Im mittleren SUV- und Crossover-Segment unterscheiden sich viele Fahrzeuge technisch nur noch in Nuancen. Reichweite, Assistenzsysteme, Infotainment und Effizienz sind wichtig, doch die Kaufentscheidung fällt oft über Sitzgefühl, Übersicht, Kofferraumlösungen, Materialwirkung und den emotionalen Eindruck beim Einsteigen.
Renault versucht damit, seine Familienautos nicht nur als rationale Alternative zu positionieren. Sie sollen wieder stärker einen eigenen Charakter haben – etwas, das im dicht besetzten Markt ein Verkaufsargument sein kann.
Konzeptauto als erster Ausblick

Ein erstes sichtbares Zeichen des neuen Kurses dürfte ein Konzeptfahrzeug im Mittelklasse-Umfeld sein. Der Zeitpunkt ist noch nicht endgültig festgezurrt, doch ein Debüt im Oktober gilt als naheliegend. Es wäre noch kein seriennahes Auto im klassischen Sinne, sondern eher ein Design- und Ideenfahrzeug, das Themen wie Raumaufteilung, Proportionen und Markenidentität vorzeichnet.
Wichtig ist dabei die zeitliche Einordnung: Malvals erste komplett unter seiner Verantwortung entwickelte Serienmodelle werden voraussichtlich erst in einigen Jahren auf die Straße kommen. Fahrzeugdesign hat lange Vorlaufzeiten. Modelle, die heute vorgestellt werden, wurden meist Jahre zuvor definiert. Entsprechend wird der neue Designchef kurzfristig eher über Studien, Facelifts, Innenraumdetails und künftige Modellentscheidungen sichtbar werden, bevor seine Handschrift vollständig in der Serie ankommt.
Für Enthusiasten ist ein solches Konzept dennoch spannend, weil Renault traditionell Studien nutzt, um neue Ideen recht deutlich anzudeuten. Wenn das kommende Fahrzeug tatsächlich das Thema „crafted space“ – also bewusst gestalteten, hochwertigen Nutzraum – betont, könnte es Hinweise darauf geben, wie Renault die nächste Generation von Scenic, Austral oder Rafale denkt.
Rafale, Austral und Scenic stehen im Mittelpunkt
Die genannten Baureihen decken für Renault ein strategisch wichtiges Feld ab. Der Rafale übernimmt die Rolle des gehobenen Flaggschiffs mit coupéhafter SUV-Silhouette. Der Austral ist der konventionellere, stärker familienorientierte Crossover im C-Segment. Der Scenic wiederum trägt einen historischen Namen, der heute in eine moderne, stärker elektrifizierte Familienauto-Form übersetzt wurde.
Gerade hier muss Renault eine Balance finden. Zu viel Design-Experiment kann Käufer abschrecken, die Platz, Bedienbarkeit und Wertstabilität suchen. Zu wenig Charakter macht es schwer, gegen eine wachsende Zahl gut ausgestatteter Konkurrenten aufzufallen. Malvals Schwerpunkt auf Proportionen ist deshalb bedeutsam. Gute Proportionen können ein Auto hochwertiger wirken lassen, ohne zwingend teure technische Lösungen zu erfordern. Ein langer Radstand, kurze Überhänge, klare Flächen und eine selbstbewusste Front können den Eindruck eines Fahrzeugs stark verändern.
Auch der Innenraum dürfte eine größere Rolle spielen. Wenn Renault den Gedanken des Lebensraums ernst nimmt, geht es nicht nur um Bildschirme und Ambientebeleuchtung. Entscheidend werden Sitzkomfort, Bedienlogik, Ablagen, variable Laderaumnutzung, Geräuschdämmung und die gefühlte Großzügigkeit sein. Für Besitzer zählt nach einigen Monaten Alltag nicht mehr nur, wie modern das Auto auf Pressebildern wirkt, sondern ob es Kinderwagen, Einkauf, Ladegerät, Sporttaschen und Urlaubsgepäck stressfrei bewältigt.
Warum Renault mutiger werden muss
Der Druck im europäischen Markt nimmt zu. Chinesische Hersteller treten mit selbstbewusstem Design, umfangreicher Ausstattung und aggressiven Preis-Leistungs-Angeboten auf. Gleichzeitig haben etablierte Marken aus Korea und Europa ihre Familien-SUVs stark verbessert. Renault kann sich daher nicht allein auf Tradition, Händlernetz oder bekannte Modellnamen verlassen.
Design wird in diesem Umfeld zu einem strategischen Werkzeug. Ein Auto, das sofort als Renault erkennbar ist und gleichzeitig praktisch überzeugt, kann im Showroom einen Vorteil haben. Für die Industrie ist das ein Zeichen dafür, dass Volumenmarken wieder stärker über Identität arbeiten müssen. Elektrifizierung und Software sind wichtig, aber sie homogenisieren viele Fahrzeuge auch. Wenn Plattformen, Batterien und Assistenzsysteme ähnlicher werden, zählt die Art, wie ein Auto aussieht, sich anfühlt und den Alltag organisiert, umso mehr.
Renault hat dabei einen besonderen Vorteil: Die Marke besitzt eine echte Historie bei unkonventionellen Familienautos. Espace und Scenic waren nicht nur Modellnamen, sondern Konzepte, die neue Kundengruppen angesprochen haben. Die Herausforderung besteht darin, diesen Geist nicht nostalgisch zu wiederholen, sondern in heutige Erwartungen zu übersetzen – mit effizientem Antrieb, guter digitaler Bedienung, hoher Sicherheit und attraktiven Betriebskosten.
Was Käufer erwarten können
Kurzfristig sollten Interessenten keine radikale Umstellung der gesamten Renault-Palette erwarten. Die aktuellen Modelle bleiben die Basis, und die ersten vollständig neuen Serienautos aus der Malval-Ära brauchen noch Zeit. Wahrscheinlicher sind zunächst gestalterische Hinweise in Studien, danach schrittweise Anpassungen bei Exterieur, Innenraum und Modellpositionierung.
Für Käufer von Scenic, Austral oder Rafale bedeutet der neue Kurs vor allem: Renault will diese Fahrzeuge nicht als austauschbare Crossover behandeln. Sie sollen stärker jeweils eigene Rollen bekommen. Der Scenic könnte noch klarer als intelligentes Familienauto auftreten, der Austral als vielseitiger Kern der Modellpalette und der Rafale als emotionaleres, hochwertigeres Aushängeschild.
Ob dieser Plan aufgeht, hängt nicht nur vom Design ab. Preis, Qualität, Effizienz, Softwarestabilität und Restwerte bleiben entscheidend. Doch die Richtung ist nachvollziehbar: Renault will praktische Autos bauen, die nicht beliebig wirken. In einem Markt, in dem viele Familienfahrzeuge ähnliche technische Antworten geben, könnte genau diese Mischung aus Alltagssinn und gestalterischem Mut den Unterschied machen.



